Die Bilanz von Ludwigsburg aus deutscher Sicht einmal rein mathematisch aufgelistet. In sieben Disziplinen elf Medaillen insgesamt, davon sechsfach das ersehnte Gold. Kann ein anderer Verband auch nur ähnliches vorweisen – kaum denkbar. Das kurzfristig in der MHP-Arena ausgerichtete Event reiht sich damit ein in die Liste mega erfolgreicher WM-Titelkämpfe. Hallenrad par excellence.
Viele hatten den zweiten Coup von Philipp-Thies Rapp, seit diesem Jahr Weltrekordler, erwartet. Zu überlegen seine gesamte Saison mit Seriensiegen. Und dann musste der Tailfinger beim Finale mehr fighten als erwartet. „Es war ein Kampf, ich war schon in den letzten Wochen nicht mehr so optimistisch, trotz dieser wirklich privilegierten Saison mit meist großem Abstand.“ Und dann das: Fehler beim Drehsprung („bei 100 Versuchen klappen eben nur 95%“) und auch andere Kleinigkeiten z.B. sein „legendärer“ Saltoabgang. Die Halle feierte den 23-Jährigen – und der regierte erstmal zurückhaltend. O-Ton des Perfektionisten auf zwei Rädern, der die „Planche“ präsentiert und seine Übung mit einem Salo beendet: „Wenn ich absteige, muss ich zufrieden sein. Und ich bin nicht zufrieden.“ Gut, dass es Gold als „Trostpflaster“ für Philipp-Thies Rapp gab. Der damit den aufstrebenden Simon Halter (19) als Zweiten bei seiner unbekümmerten WM-Premiere in Schach halten konnte.
Eine WM endet immer mit dem Radball-Finale, weil es lauter sowieso nicht zugehen kann. Zumal sich die WM-Neulinge Michael Birkner und Robert Mlady einen solchen Aufstieg nicht einmal in den kühnsten Träumen hatten vorstellen können. Durch ein 4:3 gegen Tschechien („das wichtigste Match überhaupt, entsprechend nervös war sogar ich“, so Bundestrainer Jörg Latzel) ins Endspiel gerückt: eine Mammutleistung – und die Halle kochte. Österreichs Über-Mannschaft hatte andere Pläne. 8:1 nach zweimal sieben Minuten. Im Fokus Radball-Legende Patrick Schnetzer (32). Der mittlerweile neunmalige Champion lag 3:59 Minuten vor dem Gong malträtiert, nach Luft ringend am Boden, von den Sanitätern versorgt. Nach fünf Minuten in der Horizontalen rappelte er sich wieder nach oben: Dehnübungen, Daumen hoch und 60 Sekunden später das Tor zum 6:1. So sehen Sieger aus. Applaus.
Die deutschen Damen, Danielle Holzer und Judith Wolf, holten im Turnier von nur drei Mannschaften zum dritten Mal Gold. „Sehr souverän“, so ihr Coach, der signalisiert, dass bei den Jüngeren sehr wohl Nachwuchs bereit steht. „Es tut sich was.“
Die Disziplin Zweier Frauen ist traditionell eine Domäne der deutschen Kunstradsport-Damen. Teams wie Soika/Wurster, die Geschwister Thürmer, Lena und Lisa Bringsken katapultierten die Schwierigkeitsgrade in neue Dimensionen. Das Oh und Ah des Publikums begleitete ihre Auftritte. Nicht verwunderlich, dass sich die Dominanz in Ludwigsburg fortsetzte. Gold ging an Kim Leah Schlüter und Neele Jodeleit – mit klarem Vorsprung vor den Schweizerinnen Tanner/Lucca und dem zweiten GC-Duo (Mester/Osterhage), mit Bronze dekoriert.
Seit fünf Jahren bilden Kim Leah (26) und Neele (25) ein Team, das zweimal WM-Silber und 2026 den EM-Titel gewann. So nebenher, eigentlich. „Wir beginnen morgen um 7 Uhr im Job, das Training beginnt um 18 Uhr“, so Kim Leah, die 40-Stunden-Woche muss mit den sportlichen Ambitionen koordiniert werden. „Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Der Titel war unser Ziel – und das bei dieser Atmosphäre geht unter die Haut.“ In der Vorrunde stark, unterlief vor gut 2700 Besuchenden in der
MHP-Arena nur ein kleiner Fehler, kein wirklicher Fauxpas. „Und wir waren total im Tunnel, völlig fokussiert“ auf das „Gold-Stück in der Barockstadt. Wie geht es weiter für die Beiden aus Salzuflen? Abwarten. Nach dem Weltcupfinale am 21. November im elsäßischen Dorlisheim wollen sie sich entscheiden. Übrigens: alle drei bisherigen WC-Events hatten Schlüter/Jodeleit auch für sich entschieden. 2026 – ihr Jahr.
Bestnote für die MHP-WM
German Cycling, Veranstalter Jens Zimmermann und Mario Kreh von Ludwigsburg Tourismus zeigen sich überaus zufrieden mit der „Überraschungs-WM“. Kreh meint, „wenn man eine WM angeboten bekommt, dann schlägt man zu.“ Doch trotz der kurzen Vorbereitung von nur fünf Wochen ist das Ludwigsburger Publikum voll dabei. Auch Zimmermann zeigt sich voll des Lobes für das gesamte Team, zu dem nicht nur die MHP-Arena zählt, sondern auch unzählige ehemalige Aktive, z.B. Max Maute als
Floor-Manager oder Weltmeister Lukas Kohl, der die Siegerehrungen managt. Wichtig ist ihm auch „dass keiner merkt, dass es nur fünf Wochen waren“ – und Katharina Schwarz (Vize-Präsidentin GC) bestätigt: „Die WM bekommt die Bestnote.“ Die guten Basisstrukturen insgesamt gaben den Ausschlag. Auch wenn das Lob umfassend ausfällt (die Bundestrainer bemängeln schmunzelnd die zu kleine Trainingsfläche), nennt Zimmermann es eine „WM der Kompromisse“. Die dennoch den positiven Eindruck hinterlässt, dass es eventuell nicht seine letzte gewesen ist.
Textquelle: Beate Dobbratz – ISK/Sportler des Jahres
Bildquelle (c) Wilfried Schwarz